„Energiepolitik im Spiegel der Öffentlichkeit“ – Podiumsdiskussion von AVES Zürich

30. Oktober 2012

Am 29. Oktober ist in Zürich der traditionelle Herbstevent von AVES Zürich (Aktion für eine vernünftige Energiepolitik Schweiz) über die Bühne gegangen. Unter dem Titel „Energiepolitik im Spiegel der Öffentlichkeit“ diskutierten namhafte Medienvertreter über die Rolle der Medien bei der geplanten Energiewende. Wie neutral und faktenbasiert verläuft die öffentliche Diskussion zu Themen wie Atomausstieg und erneuerbare Energien – über diese Frage wurde wie erwartet hitzig debattiert.

Als Grundlage für die Diskussion diente ein Einleitungsreferat von Dr. Walter Rüegg, Consultant und ehemaliger Chefphysiker der Schweizer Armee, zum Thema Grenzwerte radioaktiver Strahlung. Dr. Rüegg legte in seinen Ausführungen dar, wie es in der Öffentlichkeit in den vergangenen Jahrzehnten aufgrund allzu strenger Grenzwerte zu einer übertriebenen Angst vor radioaktiver Strahlung kommen konnte. Pointiert und mit einer gehörigen Portion Humor zeigte der erfahrene Strahlenexperte auf, wie sich das Image der Radioaktivität seit den 1930er-Jahren radikal gewandelt hat. Anerkannte man früher noch die heilende Wirkung geringer Strahlendosen, so wird heute bereits vor kleinsten Dosen eindringlich gewarnt, nicht zuletzt aufgrund der negativen Eindrücke, die Ereignisse wie Hiroshima, Tschernobyl oder Fukushima in der Bevölkerung hinterlassen haben.

Übertrieben tiefe Grenzwerte
Im Zuge dieser Entwicklung wurden die Grenzwerte für radioaktive Strahlung von den internationalen Kontrollbehörden konsequent nach unten korrigiert. Sie sind heute so tief angesetzt, dass eine gesundheitliche Beeinträchtigung durch Radioaktivität selbst dann nicht mehr nachgewiesen werden kann, wenn die geltenden Grenzwerte um das Tausendfache überschritten werden. Weiter führte der Referent aus, dass die Bevölkerung in den Alpen aufgrund der in dieser Region herrschenden natürlichen Strahlung eigentlich umgehend evakuiert werden müsste. Das Publikum ging aufgrund der gezeigten Beispiele mit Dr. Rüegg mehrheitlich einig, dass der Sinn hinter derart tiefen Grenzwerten nicht erkennbar ist.

In der anschliessenden Diskussion ging es um die Frage, wie neutral die Medien die Bevölkerung zur geplanten Energiewende orientieren. Markus Eisenhut (Co-Chefredaktor Tages-Anzeiger), Hanspeter Trütsch (Leiter Bundeshausredaktion SF) und Alex Reichmuth (Weltwoche) stellten sich den kritischen Fragen des Moderators Filippo Leutenegger, FDP-Nationalrat und selber ein ausgewiesener Medienprofi.

Tendenziöse Berichterstattung?
Auf die Frage, weshalb in den Medien kaum je über solch klare Fakten berichtet werde, wie sie im vorangegangenen Referat zu hören waren, meinten die Vertreter von Tages-Anzeiger und Schweizer Fernsehen unisono, die Öffentlichkeit habe im derzeitigen energiepolitischen Chaos halt kein Interesse an nüchternen Fakten. Der Atomausstieg sei ja auch noch keinesfalls beschlossene Sache, so Hanspeter Trütsch, sondern bestenfalls eine vage Absichtserklärung. Beide beteuerten zudem mehrmals, sie hätten wiederholt auch kritisch über die Ausstiegspläne von Bundesrätin Leuthard berichtet, von einer übertriebenen Voreingenommenheit der Medien könne also nicht die Rede sein.

Dem hielt Weltwoche-Redaktor Alex Reichmuth entgegen, seit Fukushima seien immer wieder völlig unkritische und tendenziöse Artikel in den Schweizer Medien erschienen, beispielsweise zu verseuchtem japanischem Grüntee oder deformierten Schmetterlingen, die in der Nähe von Fukushima gefunden wurden. Es sei gang und gäbe, aus der Masse an Untersuchungen und Studien stets genau diejenigen herauszusuchen, die für möglichst grosse Verunsicherung sorgen, und gleichzeitig alle anderen zu ignorieren.

Auch sei augenfällig, so Reichmuth weiter, dass die Mehrheit der Schweizer Journalisten offensichtliche Widersprüche im Zusammenhang mit dem geplanten Atomausstieg nicht in Frage stellten – die Presse müsse sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie ihren Auftrag nicht wahrnehme. Die Weltwoche dagegen sei stets bemüht, Fakten möglichst objektiv abzubilden, unrealistische Ausstiegspläne zu relativieren und der allgemeinen Panikmache rund um Atomkraft entgegenzuwirken.

Gute PR – böse PR
So oder so, einen gewissen Hang der Presse zu einer atomkritischen und ausstiegsfreundlichen Berichterstattung konnte keiner der Anwesenden verneinen. Es sei halt eine Tatsache, dass dies auch mit der politischen Einstellung vieler Journalisten zusammenhänge, meinte Markus Eisenhut, und die sei halt in der Regel links/grün. Daraus resultiere eine oftmals viel zu unkritische Haltung gegenüber Umweltorganisationen, während gleichzeitig Informationen der Gegenseite als PR der Atomlobby verunglimpft werde. Dem stimmte Hanspeter Trütsch zu – Informationen von links deuteten auf ein funktionierendes Netzwerk hin, solche von rechts auf Filz, und das sei nun mal ein negativ besetzter Begriff. Dabei betreibe Greenpeace genau so PR wie beispielsweise Glencore, werde von den Journalisten aber als glaubwürdiger eingestuft als der umstrittene Rohstoffgigant.

Medienprofi Filippo Leutenegger sprach in diesem Zusammenhang von einem „Medienkuchen“: Journalisten seien eine eingeschworene Gruppe, jeder kenne jeden und es habe sich ein Meinungskonsens etabliert, auf den selbst die Verleger mit ihren ökonomischen Zielvorgaben kaum Einfluss hätten.

Fazit: offene Fragen bleiben
Das wie immer sehr engagierte AVES-Publikum erlebte eine spannende, informative und nicht zuletzt unterhaltsame Diskussion. Die wichtigste Frage des Abends konnte jedoch nicht geklärt werden: Wie kann die Presse wieder zu einer objektiveren, weniger hysterischen Berichterstattung bewegt, wie können übertriebene Ängste und unrealistische Vorstellungen in der Bevölkerung beseitigt werden? „Sie stehen mit dem Rücken zur Wand, Sie müssen an die Öffentlichkeit und sich Gehör verschaffen!“ wandte sich Hanspeter Trütsch an die AVES-Mitglieder im Publikum. Nur, wie soll das gehen, wenn der Pförtner am Eingang – sprich: der Journalist – nur diejenigen hinein lässt, die ihm passen? Darauf wusste leider auch der erfahrene Bundeshauskorrespondent keine Antwort.

Weitere Informationen sowie die Präsentationen der Referenten finden Sie unter www.aves-zuerich.ch.  

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Rolf Hegetschweiler

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